Obstsalat

mit oder ohne Sahne?

Monat: März, 2014

Strichliste

Hier geht es zum vierten Teil der Reihe.
Das Blatt war gut beschrieben, Versicherungen, Vermieter, Verwandschaft, Telekomanbieter, ich weiß nicht mehr genau, wer da im einzelnen einen Platz auf meiner Kuhhaut hatte. Es ist auch gar nicht so wichtig, einzig auf eines bin ich nachhaltig Stolz: keinerlei Versandhaus oder Teleshoppinganbieter war darauf vermerkt. Ich hatte die Übersicht verloren und bin nicht in einen Konsumrausch verfallen.
Aus dem unübersichtlichem Stapel wurde ein einfach zu handhabendes Stück Papier. Was ich damit machen musste war ganz einfach: Alle Schulden die sich erledigt hatten durchstreichen. Mehr nicht.
Also habe ich gleich damit angefangen. Ich ging die Schreiben der Inkassofirmen durch und strich gleich die Gläubiger, deren Forderungen sie übernommen hatten. Inkassofirmen sind nichts schönes, und es ist immer besser, mit ihnen nichts zu tun zu haben, aber in diesem Fall hatten sie natürlich auch etwas gutes: ich konnte sofort einige Einträge von meiner Schuldenliste streichen. Ein erster, sofortiger Erfolg. Das motiviert.
Nun hatte ich alle Kontaktdaten meiner übrig gebliebenen Gläubiger, wusste, wem ich Geld schuldete, wie viele Gläubiger ich hatte, fehlte nur noch die Summe meiner Schulden.

Da ich mich aber nicht mit den ganzen Papieren abmühen wollte, ich auch nicht wusste, ob nicht noch neue Forderungen unterwegs war oder der aktuellste Schrieb vielleicht doch noch irgendwo in der Wohnung rumflog, rief ich jeden einzelnen an.
Da ich alle nötigen Infos schon direkt zur Hand hatte, brauchte ich für die Telefonate gar nicht viel Zeit. Freundlich begrüßte ich meine Gesprächspartner, sagte, wer ich bin und das ich Ausstände bei ihnen hätte. Da ich den Überblick verloren habe, würde ich gerne von ihnen wissen, wie hoch der Ausstand nun genau sei. Und wer freundlich fragt, der bekommt auch schnell Auskunft, vor allem, wenn man alle wichtigen Daten parat hat.
Nachdem ich hinter jeden Eintrag eine Summe schreiben konnte, war ich in der Lage, Kassensturz zu machen, das heißt, ich wusste genau, wie hoch meine Schulden bei jedem waren und ich wusste, wie hoch sie insgesamt waren. Auf einen Blick. Das erste Gefühl von Übersicht machte sich breit, und das tut wirklich gut.

Unter meinen Gläubigern war auch einer, den ich unbedingt als letzten anrufen wollte: meine Bank. Ich musste von ihr nicht wissen, wie hoch meine Ausstände waren, das konnte ich direkt auf meinem Konto sehen. Ein Dispokredit und ein Autokredit, die Summen weiß ich nicht mehr, das ganze ist neun Jahre her, insgesamt beliefen sich meine Schulden auf irgendwas zwischen zwei- und dreitausend Euro. Bei der Bank aber brauchte ich schnellstmöglich einen Termin. Denn um noch mehr Gläubiger von meiner Liste streichen zu können, brauchte ich dringend Geld.
Flattr this

Frischluft

Hier geht es zum dritten Teil der Serie.
Mit einer Tasse heißen Kaffes, einem Telefon, einigen Zigaretten und einem Stift bewaffnet, sitze ich vor dem Computer. Okay, es war ein Pott Kaffee, denn ich trinke nicht aus Tassen, das ist so ein Zeitmanagement Ding. Neben mir befinden sich die Briefe. Durchatmen, ganz tief, noch einmal an der Zigarette ziehen und dann geht es los.
Ohne auch nur einen einzigen der Zettel zu lesen habe ich sie aufgemacht, auseinandergefaltet und auf einen Stapel gelegt. Alle auf einen Stapel. Das klingt nicht sonderlich nach Leistung, das klingt nach, ja, nach was klingt das eigentlich? Büroalltag? Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?
Es klingt nach nichts, aber es bedeutet die Welt. Es ist genau dieser Augenblick, an dem sich all die Nebel lichten, an dem ein frischer Wind in den Baumwipfeln sein kommen ankündigt. Das hat aber nicht so viel mit dem rascheln der Blätter zu tun, wie man jetzt denken könnte, es ist die Druckveränderung in der Luft, die aus einem schwülen, drückenden Sommer ein so wahnsinnig erfrischenden Tag macht, wie nur Regenwetter und Gewitter es sonst schaffen. Es ist eher mit dem Frühjahrsputz zu vergleichen, mit dem in ein frisch gemachtes Bett schmeißen, mit dem Wohlgefühl, das sich einstellt, wenn man versift und verschwitzt unter die Dusche geht, um all das abzuwaschen, was an einem klebt, in jeder Falte des Körpers festsitzt, es ist der Auftakt in einen Tag mit frischen Brötchen, fröhlicher Radiomusik und dem Duft von heiß gebrühtem Kaffee. Rückblickend betrachtet zumindest.
An diesem Tag habe ich das gemacht, was alles in meinem Leben änderte: Ich habe es wieder in die Hand genommen. Ich habe dem Stapel den Kampf angesagt. Ich.

Der Vorgang als solcher klingt wenig großartig, zumindest nicht für Menschen, die dies noch nicht durchgemacht haben. Aber es fühlt sich ganz anders an, sobald man damit durch ist. Durch damit, sein Leben zu ordnen und sich einen Überblick zu verschaffen, einen Überblick, den ich lange verloren hatte. Einen Überblick, der mir das gab, was ich schon viel zu lange nicht mehr besaß, eine Perspektive.

Nun, was ich da genau gemacht habe, war ganz simpel. Ich nahm jeden Briefumschlag in die Hand, öffnete ihn, faltete den darin enthaltenen Brief auf, legte ihn auf einen Stapel. Das tat ich so lange, bis alle Briefe, geöffnet und gefaltet auf einem neuen Stapel lagen. Anschließend sortierte ich die Stapel nach Gläubigern. Ich habe nicht einen einzigen Brief davon gelesen. Denn alles, was dort auf Papier gedruckt war, hätte mich davon abgehalten, weiter zu machen. Die Zahlen wären so demotivierend gewesen, das ich sofort aufgegeben hätte. Das wollte ich nicht, also, aufreißen, entfalten, stapeln, sortieren.
Nun kam der Blick auf das Papier. Ich musste folgendes Wissen: Wer bekommt von mir Geld und wie kann ich diese Person oder Gesellschaft erreichen. So musste ich mir pro Stapel nur einen einzigen Brief anschauen, die Telefonnummern, den Ansprechpartner und eine eventuelle Vertragsnummer notieren, alles schön sauber und wertfrei untereinander. Mit etwas Platz, Platz für die Summe, die der Briefschreiber von mir haben wollte.

Nachdem das alles geschafft war, habe ich eine Pause gemacht, meinen Kaffee getrunken und ganz in Ruhe ein oder zwei Zigaretten geraucht. Quasi als Belohnung. Als Vorbereitung, auf meinen nächsten Schritt.
Das erfassen meiner Schulden.

Hier geht es zum fünften Teil der Reihe.
Flattr this

Der Schuldenturm

Hier geht es zu Teil zwei der Reihe.

Er lauert- überall. Das tut er immer. Er weiß, das ich da bin, er weiß, das ich ihn wahrnehme. Ich ignoriere ihn, so gut ich das kann, aber er ist da. Und das lässt er mich spüren, jeden Tag, die ganze Zeit. Auch Nachts. Ich versuche ihn nicht zu beachten, aber ich kann mich seiner Wirkung nicht entziehen. Zähflüssig und klebrig fließt seine Schlechtigkeit in den Raum, verlangsamt alles, was ich mache, liegt schwer auf mir und ringt mich zu Boden. Langsam, ganz langsam und unaufhaltsam, seelische Erosion. Wie Treibsand zieht er mich in seinen Wirkungskreis und je länger ich warte, umso schlimmer wird es, umso tiefer stecke ich drinne und komme nicht mehr heraus.

„ES REICHT! Diese ganze Scheiße tue ich mir nicht mehr mit an! Dieses lauern und liegen, liegen und lauern, überall, ES REICHT!“

Das waren nicht meine Worte, ich hab nicht mal laut geschrien, glaube ich, aber so fühlt es sich rückblickend an.

„Diesem SCHWEINEHUND werd ich es zeigen!“

Wie ein Berserker bin ich durch die Wohnung gestürmt, einen Schuhkarton oder eine Tüte, das weiß ich nicht mehr, in der Hand, und ich habe JEDEN einzelnen Brief voller Wut hineingeschmissen, habe sie beschimpft, was ihnen einfallen würde, mein Leben zu einem lang anhaltendem Todeskampf zu machen, dieser Pesthauch von Beerdigung, den sie den ganzen Tag und auch in der Nacht verströmen, ES REICHT!

Um es gleich vorweg zu nehmen, dadurch bin ich meine Schulden nicht los geworden, denn Briefe, Mahnungen und Rechnungen in eine Tüte, oder einen Schuhkarton, zu werfen, bezahlt keine der Forderungen. Aber es macht etwas ganz ganz wunderbares. Es zerstört den Schuldenturm, dieses Monument meiner Probleme, dieses Mahnmal meiner derzeitigen Situation. Es ist wie ein Befreiungsschlag, wie das Aufraffen zu einer langen Reise, wie der erste Wiederstand gegen einen übermächtigen Unterdrücker.

Ich habe ihn in seine Schranken gewiesen, seine Allmacht gebrochen und gestatte es ihm nicht mehr, all meine Gedanken mit seinem Gift zu verätzen.

Das war der Anfang. Und es war eine lange, schwere Zeit bis dahin.

Flattr this

Der Briefstapel

Hier geht es zum ersten Teil der Reihe.

Das untrüglichste Zeichen für Geldprobleme ist der Briefstapel. Meist liegen sie verstreut in der Wohnung, es gibt mehr als nur einen Stapel. Die Briefe sind ungeöffnet und besitzen ein Adressfenster. Es ist diese Art von Briefen, die, wenn man sie im Briefkasten findet, ein Gefühl von Bedrückung und Tod verströmen, die Sorte von Post, die man, je mehr man sie fürchtet, immer öfter zugestellt bekommt. Jedes mal, wenn man an den Briefkasten geht, sofern man dies überhaupt noch macht, hofft man, das er leer ist, das niemand etwas von einem will, umso schlimmer, das sie beharrlich eintreffen. Und es werden mehr. Immer.

Aber warum ist das so?

Nun, bei den Briefen handelt es sich um Mahnungen. Wahrscheinlich waren es einmal Rechnungen, aber jetzt sind sie alle zu Mahnungen geworden, nicht die erste. Einige kommen von Inkassounternehmen, die sind besonders unangenehm. Die sind besonders ernst.
Die ersten macht man auf, ganz klar, so wie jeden Brief. Doch irgendwann werden es zu viele, sie kommen häufig und es scheint eine unüberwindbare Masse an Briefen zu sein, mit Summen, die man unmöglich zahlen kann. Dieser Prozess ist schleichend, es passiert nicht von einem Tag auf den anderen und es dauert, bis man es selber merkt, das man sie nicht mehr öffnet und einfach auf den Stapel legt, keine Ahnung, wo der plötzlich herkommt. War der schon immer da? Ach, ist auch egal. Da kümmer ich mich später drum, jetzt hab ich eh kein Geld.

Dieser Briefstapel ist wie ein Krebsgeschwür, das meine ich nicht metaphorisch, das ist ein Fakt. Krebs kann tödlich sein, dieser Briefstapel auch, denn er ist so unfassbar schlimm, so eitertriefend, das er dazu geeignet ist, Menschen in den Selbstmord zu treiben. Bei mir war das nicht der Fall, wie man sich denken kann, immerhin schreibe ich gerade über diese Zeit. Genau wie Krebs ist auch dieser Briefstapel heilbar, unbehandelt ist er aber sicherlich tödlich. Und er streut. Denn während die Probleme wachsen, breiten sie sich aus. Hat man zuerst nur eine unbeglichene Rechnung bei einem Handyanbieter, so werden daraus schnell auch Probleme mit der Bank oder dem Vermieter. Oder beides, das ist nur eine Frage der Zeit, glauben Sie mir. Plötzlich ist der ganze finanzielle Bereich davon betroffen und es werden noch mehr Briefe, Briefe, die wieder ungeöffnet auf den Stapeln landen. Irgendwann ist das normal, Briefe kommen, die Schultern werden gezuckt, der Brief auf einen der Stapel geworfen, wahrscheinlich auf den, der als nächstes in Sicht kommt.
Dann kommen nicht mehr nur Briefe, es kommen Briefe, für die man unterschreiben muss, das man sie erhalten hat. Oder noch schlimmer, es kommen Menschen. Das Problem mit den Menschen ist, das man sie nicht einfach auf einen dieser bewährten Briefstapel werfen kann, Menschen, die einem Dinge wegnehmen können und dies auch werden, Dinge, auf die man sehr ungerne verzichten möchte, zum Beispiel das Dach über dem Kopf.

Hier muss ich, zum Glück, aussteigen, denn ich habe nie mein Dach über dem Kopf verloren. Auch mit Gerichtsvollziehern habe ich bisher nur einmal Kontakt gehabt, was einer Unachtsamkeit meinerseits geschuldet war, nicht mangelnder Liquidität. Trotzdem blieb dies nicht ohne gesellschaftliche Konsequenzen. Dazu aber später mehr. Und ebenso zu den Briefstapeln und wie man sie los wird, genauso, wie den ganzen anderen Mist, den sie mit sich bringen.

Hier geht es zu Teil drei der Reihe
Flattr this

Schlaflose Nächte

Die letzte Nacht war ein Alptraum, ich habe kaum geschlafen. Zähneknirschend bin ich mehrmals aufgewacht, in den kurzen Phasen des Schlafes habe ich wirres Zeug geträumt. Jetzt stehe ich im Bad, lustlos und niedergeschlagen. Zähneputzen fällt aus, ich brauch erst mal einen Kaffee und eine Zigarette. Eben gerade noch die Hose anziehen, das T-Shirt von gestern habe ich noch an. Ich lebe alleine, seid meine Frau mich verlassen hat, auf der Arbeit trage ich Kochkleidung, die wird zum Glück im Betrieb gewaschen. Wozu sollte ich mich umziehen, es merkt hier eh keiner. Immerhin habe ich es ins Bett geschafft und bin nicht wieder total fertig in der Badewanne eingeschlafen.
Mit Kaffee und Zigarette setze ich mich vor den Computer und verbringe die Zeit irgendwie mit Spielen, Surfen und anderen belanglosen Dingen, bevor ich mich aufmache, zum Einkaufen, arbeiten oder um meinen Sohn abzuholen, den ich zweimal die Woche sehe. Meist fahre ich dann mit ihm Einkaufen, ziehe ein wenig ums Haus oder fahre Auto mit ihm. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll. Ich liebe ihn, ja, sehr, aber ich weiß nicht viel mit ihm anzufangen. Irgendwann am Tag, natürlich nicht jeden Tag, gehe ich an den Briefkasten. Nicht selten sind da Briefumschläge drin, Briefumschläge, die ich schon seid einer ganzen Zeit nicht mehr öffne. Ich lege sie in die Wohnung, irgendwohin, auf einen anderen Haufen, einen anderen Haufen Briefumschläge. Das sind keine netten Briefe, das weiß ich. Ich weiß auch, warum sie von wem kommen, aber ich will gar nicht genau wissen, was da drinne steht. Ungeöffnet bleiben sie, verteilt, in meiner ganzen Wohnung liegen. Und sie warten. Auf neue Briefe, die sich zu ihnen gesellen werden. Und es kommen neue Briefe. Briefe, von denen ich weiß, das die Zahlen, die dort drinne stehen, immer größer werden, der Ton immer unfreundlicher wird. Aber ich lese sie nicht. Schon lange nicht mehr.

Das ist jetzt über neun Jahre her, und ich bin froh, das diese Zeit vorbei ist. Ich kann wieder schlafen, sofern mein zweiter Sohn es zulässt, aber es sind ruhige Nächte, sie sind nicht mehr von Sorgen geschwängert, von Zweifeln, von überschweren Sorgen, denen nicht einmal die Nachtruhe heilig ist. Viel hat sich seid diesen Tage geändert, ich bin in liebevollen Händen, habe einen zweiten Sohn, welcher glücklicherweise bei mir lebt und weiß nun auch immer, was ich mit meinem Großen anfangen soll. Mein Leben ist, um ehrlich zu sein, Sorgenfrei. Ja, klar, manchmal ist der Monat zum Ende hin finanziell doch etwas ausgemergelt, aber im großen und ganzen mangelt es uns an nichts. Ich war sogar im letzten Jahr im Urlaub, etwas, das ich, bis auf eine Unterbrechung durch eine Einladung, schon seid neunzehn Jahren nicht mehr war.Holland, eine ganze Woche, Gott war das herrlich.
Ich arbeite nicht mehr als Koch, nicht mehr sechs Tage die Woche bis tief in die Nacht, fahre nicht mehr gestresst nach Hause und habe den Kopf frei für andere Dinge. Die Briefstapel gibt es nicht mehr, ich habe sie verbrannt, gesammelt und erledigt in ein großes Osterfeuer geschmissen und ihnen beim verbrennen zugeschaut.

Was in der Zwischenzeit passiert ist? Genau darum soll es in dieser Artikelreihe gehen.

Hier geht es zum zweiten Teil der Reihe.

Flattr this