Schlaflose Nächte

von Sven

Die letzte Nacht war ein Alptraum, ich habe kaum geschlafen. Zähneknirschend bin ich mehrmals aufgewacht, in den kurzen Phasen des Schlafes habe ich wirres Zeug geträumt. Jetzt stehe ich im Bad, lustlos und niedergeschlagen. Zähneputzen fällt aus, ich brauch erst mal einen Kaffee und eine Zigarette. Eben gerade noch die Hose anziehen, das T-Shirt von gestern habe ich noch an. Ich lebe alleine, seid meine Frau mich verlassen hat, auf der Arbeit trage ich Kochkleidung, die wird zum Glück im Betrieb gewaschen. Wozu sollte ich mich umziehen, es merkt hier eh keiner. Immerhin habe ich es ins Bett geschafft und bin nicht wieder total fertig in der Badewanne eingeschlafen.
Mit Kaffee und Zigarette setze ich mich vor den Computer und verbringe die Zeit irgendwie mit Spielen, Surfen und anderen belanglosen Dingen, bevor ich mich aufmache, zum Einkaufen, arbeiten oder um meinen Sohn abzuholen, den ich zweimal die Woche sehe. Meist fahre ich dann mit ihm Einkaufen, ziehe ein wenig ums Haus oder fahre Auto mit ihm. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll. Ich liebe ihn, ja, sehr, aber ich weiß nicht viel mit ihm anzufangen. Irgendwann am Tag, natürlich nicht jeden Tag, gehe ich an den Briefkasten. Nicht selten sind da Briefumschläge drin, Briefumschläge, die ich schon seid einer ganzen Zeit nicht mehr öffne. Ich lege sie in die Wohnung, irgendwohin, auf einen anderen Haufen, einen anderen Haufen Briefumschläge. Das sind keine netten Briefe, das weiß ich. Ich weiß auch, warum sie von wem kommen, aber ich will gar nicht genau wissen, was da drinne steht. Ungeöffnet bleiben sie, verteilt, in meiner ganzen Wohnung liegen. Und sie warten. Auf neue Briefe, die sich zu ihnen gesellen werden. Und es kommen neue Briefe. Briefe, von denen ich weiß, das die Zahlen, die dort drinne stehen, immer größer werden, der Ton immer unfreundlicher wird. Aber ich lese sie nicht. Schon lange nicht mehr.

Das ist jetzt über neun Jahre her, und ich bin froh, das diese Zeit vorbei ist. Ich kann wieder schlafen, sofern mein zweiter Sohn es zulässt, aber es sind ruhige Nächte, sie sind nicht mehr von Sorgen geschwängert, von Zweifeln, von überschweren Sorgen, denen nicht einmal die Nachtruhe heilig ist. Viel hat sich seid diesen Tage geändert, ich bin in liebevollen Händen, habe einen zweiten Sohn, welcher glücklicherweise bei mir lebt und weiß nun auch immer, was ich mit meinem Großen anfangen soll. Mein Leben ist, um ehrlich zu sein, Sorgenfrei. Ja, klar, manchmal ist der Monat zum Ende hin finanziell doch etwas ausgemergelt, aber im großen und ganzen mangelt es uns an nichts. Ich war sogar im letzten Jahr im Urlaub, etwas, das ich, bis auf eine Unterbrechung durch eine Einladung, schon seid neunzehn Jahren nicht mehr war.Holland, eine ganze Woche, Gott war das herrlich.
Ich arbeite nicht mehr als Koch, nicht mehr sechs Tage die Woche bis tief in die Nacht, fahre nicht mehr gestresst nach Hause und habe den Kopf frei für andere Dinge. Die Briefstapel gibt es nicht mehr, ich habe sie verbrannt, gesammelt und erledigt in ein großes Osterfeuer geschmissen und ihnen beim verbrennen zugeschaut.

Was in der Zwischenzeit passiert ist? Genau darum soll es in dieser Artikelreihe gehen.

Hier geht es zum zweiten Teil der Reihe.

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