Der Briefstapel

von Sven

Hier geht es zum ersten Teil der Reihe.

Das untrüglichste Zeichen für Geldprobleme ist der Briefstapel. Meist liegen sie verstreut in der Wohnung, es gibt mehr als nur einen Stapel. Die Briefe sind ungeöffnet und besitzen ein Adressfenster. Es ist diese Art von Briefen, die, wenn man sie im Briefkasten findet, ein Gefühl von Bedrückung und Tod verströmen, die Sorte von Post, die man, je mehr man sie fürchtet, immer öfter zugestellt bekommt. Jedes mal, wenn man an den Briefkasten geht, sofern man dies überhaupt noch macht, hofft man, das er leer ist, das niemand etwas von einem will, umso schlimmer, das sie beharrlich eintreffen. Und es werden mehr. Immer.

Aber warum ist das so?

Nun, bei den Briefen handelt es sich um Mahnungen. Wahrscheinlich waren es einmal Rechnungen, aber jetzt sind sie alle zu Mahnungen geworden, nicht die erste. Einige kommen von Inkassounternehmen, die sind besonders unangenehm. Die sind besonders ernst.
Die ersten macht man auf, ganz klar, so wie jeden Brief. Doch irgendwann werden es zu viele, sie kommen häufig und es scheint eine unüberwindbare Masse an Briefen zu sein, mit Summen, die man unmöglich zahlen kann. Dieser Prozess ist schleichend, es passiert nicht von einem Tag auf den anderen und es dauert, bis man es selber merkt, das man sie nicht mehr öffnet und einfach auf den Stapel legt, keine Ahnung, wo der plötzlich herkommt. War der schon immer da? Ach, ist auch egal. Da kümmer ich mich später drum, jetzt hab ich eh kein Geld.

Dieser Briefstapel ist wie ein Krebsgeschwür, das meine ich nicht metaphorisch, das ist ein Fakt. Krebs kann tödlich sein, dieser Briefstapel auch, denn er ist so unfassbar schlimm, so eitertriefend, das er dazu geeignet ist, Menschen in den Selbstmord zu treiben. Bei mir war das nicht der Fall, wie man sich denken kann, immerhin schreibe ich gerade über diese Zeit. Genau wie Krebs ist auch dieser Briefstapel heilbar, unbehandelt ist er aber sicherlich tödlich. Und er streut. Denn während die Probleme wachsen, breiten sie sich aus. Hat man zuerst nur eine unbeglichene Rechnung bei einem Handyanbieter, so werden daraus schnell auch Probleme mit der Bank oder dem Vermieter. Oder beides, das ist nur eine Frage der Zeit, glauben Sie mir. Plötzlich ist der ganze finanzielle Bereich davon betroffen und es werden noch mehr Briefe, Briefe, die wieder ungeöffnet auf den Stapeln landen. Irgendwann ist das normal, Briefe kommen, die Schultern werden gezuckt, der Brief auf einen der Stapel geworfen, wahrscheinlich auf den, der als nächstes in Sicht kommt.
Dann kommen nicht mehr nur Briefe, es kommen Briefe, für die man unterschreiben muss, das man sie erhalten hat. Oder noch schlimmer, es kommen Menschen. Das Problem mit den Menschen ist, das man sie nicht einfach auf einen dieser bewährten Briefstapel werfen kann, Menschen, die einem Dinge wegnehmen können und dies auch werden, Dinge, auf die man sehr ungerne verzichten möchte, zum Beispiel das Dach über dem Kopf.

Hier muss ich, zum Glück, aussteigen, denn ich habe nie mein Dach über dem Kopf verloren. Auch mit Gerichtsvollziehern habe ich bisher nur einmal Kontakt gehabt, was einer Unachtsamkeit meinerseits geschuldet war, nicht mangelnder Liquidität. Trotzdem blieb dies nicht ohne gesellschaftliche Konsequenzen. Dazu aber später mehr. Und ebenso zu den Briefstapeln und wie man sie los wird, genauso, wie den ganzen anderen Mist, den sie mit sich bringen.

Hier geht es zu Teil drei der Reihe
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