Der Schuldenturm

von Sven

Hier geht es zu Teil zwei der Reihe.

Er lauert- überall. Das tut er immer. Er weiß, das ich da bin, er weiß, das ich ihn wahrnehme. Ich ignoriere ihn, so gut ich das kann, aber er ist da. Und das lässt er mich spüren, jeden Tag, die ganze Zeit. Auch Nachts. Ich versuche ihn nicht zu beachten, aber ich kann mich seiner Wirkung nicht entziehen. Zähflüssig und klebrig fließt seine Schlechtigkeit in den Raum, verlangsamt alles, was ich mache, liegt schwer auf mir und ringt mich zu Boden. Langsam, ganz langsam und unaufhaltsam, seelische Erosion. Wie Treibsand zieht er mich in seinen Wirkungskreis und je länger ich warte, umso schlimmer wird es, umso tiefer stecke ich drinne und komme nicht mehr heraus.

„ES REICHT! Diese ganze Scheiße tue ich mir nicht mehr mit an! Dieses lauern und liegen, liegen und lauern, überall, ES REICHT!“

Das waren nicht meine Worte, ich hab nicht mal laut geschrien, glaube ich, aber so fühlt es sich rückblickend an.

„Diesem SCHWEINEHUND werd ich es zeigen!“

Wie ein Berserker bin ich durch die Wohnung gestürmt, einen Schuhkarton oder eine Tüte, das weiß ich nicht mehr, in der Hand, und ich habe JEDEN einzelnen Brief voller Wut hineingeschmissen, habe sie beschimpft, was ihnen einfallen würde, mein Leben zu einem lang anhaltendem Todeskampf zu machen, dieser Pesthauch von Beerdigung, den sie den ganzen Tag und auch in der Nacht verströmen, ES REICHT!

Um es gleich vorweg zu nehmen, dadurch bin ich meine Schulden nicht los geworden, denn Briefe, Mahnungen und Rechnungen in eine Tüte, oder einen Schuhkarton, zu werfen, bezahlt keine der Forderungen. Aber es macht etwas ganz ganz wunderbares. Es zerstört den Schuldenturm, dieses Monument meiner Probleme, dieses Mahnmal meiner derzeitigen Situation. Es ist wie ein Befreiungsschlag, wie das Aufraffen zu einer langen Reise, wie der erste Wiederstand gegen einen übermächtigen Unterdrücker.

Ich habe ihn in seine Schranken gewiesen, seine Allmacht gebrochen und gestatte es ihm nicht mehr, all meine Gedanken mit seinem Gift zu verätzen.

Das war der Anfang. Und es war eine lange, schwere Zeit bis dahin.

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