Frischluft

von Sven

Hier geht es zum dritten Teil der Serie.
Mit einer Tasse heißen Kaffes, einem Telefon, einigen Zigaretten und einem Stift bewaffnet, sitze ich vor dem Computer. Okay, es war ein Pott Kaffee, denn ich trinke nicht aus Tassen, das ist so ein Zeitmanagement Ding. Neben mir befinden sich die Briefe. Durchatmen, ganz tief, noch einmal an der Zigarette ziehen und dann geht es los.
Ohne auch nur einen einzigen der Zettel zu lesen habe ich sie aufgemacht, auseinandergefaltet und auf einen Stapel gelegt. Alle auf einen Stapel. Das klingt nicht sonderlich nach Leistung, das klingt nach, ja, nach was klingt das eigentlich? Büroalltag? Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?
Es klingt nach nichts, aber es bedeutet die Welt. Es ist genau dieser Augenblick, an dem sich all die Nebel lichten, an dem ein frischer Wind in den Baumwipfeln sein kommen ankündigt. Das hat aber nicht so viel mit dem rascheln der Blätter zu tun, wie man jetzt denken könnte, es ist die Druckveränderung in der Luft, die aus einem schwülen, drückenden Sommer ein so wahnsinnig erfrischenden Tag macht, wie nur Regenwetter und Gewitter es sonst schaffen. Es ist eher mit dem Frühjahrsputz zu vergleichen, mit dem in ein frisch gemachtes Bett schmeißen, mit dem Wohlgefühl, das sich einstellt, wenn man versift und verschwitzt unter die Dusche geht, um all das abzuwaschen, was an einem klebt, in jeder Falte des Körpers festsitzt, es ist der Auftakt in einen Tag mit frischen Brötchen, fröhlicher Radiomusik und dem Duft von heiß gebrühtem Kaffee. Rückblickend betrachtet zumindest.
An diesem Tag habe ich das gemacht, was alles in meinem Leben änderte: Ich habe es wieder in die Hand genommen. Ich habe dem Stapel den Kampf angesagt. Ich.

Der Vorgang als solcher klingt wenig großartig, zumindest nicht für Menschen, die dies noch nicht durchgemacht haben. Aber es fühlt sich ganz anders an, sobald man damit durch ist. Durch damit, sein Leben zu ordnen und sich einen Überblick zu verschaffen, einen Überblick, den ich lange verloren hatte. Einen Überblick, der mir das gab, was ich schon viel zu lange nicht mehr besaß, eine Perspektive.

Nun, was ich da genau gemacht habe, war ganz simpel. Ich nahm jeden Briefumschlag in die Hand, öffnete ihn, faltete den darin enthaltenen Brief auf, legte ihn auf einen Stapel. Das tat ich so lange, bis alle Briefe, geöffnet und gefaltet auf einem neuen Stapel lagen. Anschließend sortierte ich die Stapel nach Gläubigern. Ich habe nicht einen einzigen Brief davon gelesen. Denn alles, was dort auf Papier gedruckt war, hätte mich davon abgehalten, weiter zu machen. Die Zahlen wären so demotivierend gewesen, das ich sofort aufgegeben hätte. Das wollte ich nicht, also, aufreißen, entfalten, stapeln, sortieren.
Nun kam der Blick auf das Papier. Ich musste folgendes Wissen: Wer bekommt von mir Geld und wie kann ich diese Person oder Gesellschaft erreichen. So musste ich mir pro Stapel nur einen einzigen Brief anschauen, die Telefonnummern, den Ansprechpartner und eine eventuelle Vertragsnummer notieren, alles schön sauber und wertfrei untereinander. Mit etwas Platz, Platz für die Summe, die der Briefschreiber von mir haben wollte.

Nachdem das alles geschafft war, habe ich eine Pause gemacht, meinen Kaffee getrunken und ganz in Ruhe ein oder zwei Zigaretten geraucht. Quasi als Belohnung. Als Vorbereitung, auf meinen nächsten Schritt.
Das erfassen meiner Schulden.

Hier geht es zum fünften Teil der Reihe.
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